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Bedrohung und Beschwichtigung ?
Leben mit und nach Fukushima (14.4.2011)

Man könnte meinen, die Ergebnisse einer brandaktuellen Studie vor sich zu haben, wenn man heute in den Band „Bedrohung und Beschwichtigung“ der Reihe „Fortschritte der Politischen Psychologie“ schaut. Der von Helmut Moser unter Mitarbeit von Thomas Leithäuser herausgegebene Band trägt den Untertitel „Die politische und die seelische Gestalt technischer, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Gefährdungen“ – und er ist fast 25 Jahre alt. Hochaktuell erscheinen vor allem die darin enthaltenen Studien über das Risikobewusstsein von Ingenieuren und über die erlebten Belastungen und Verarbeitungsversuche nach Harrisburg (1979) und Tschernobyl (1986).

Die Reaktionen vieler Menschen scheinen heute nicht anders als 1986 zu sein: Ihre Kontrollüberzeugungen schwanken zwischen erlebter Unkontrollierbarkeit und deren Überwindung im aktiven politischen Protest, wie zahlreiche Anti-Atom-Demonstrationen oder –Mahnwachen zeigen. Beängstigend ist insbesondere die Erkenntnis, dass die wahrgenommene Kontrolle über das eigene Wohlbefinden eine Illusion sein kann. Angesichts der Ereignisse in Japan sehen sich Menschen (erneut) einer existenzgefährdenden Bedrohung gegenüber, die man nicht sehen, hören, fühlen, riechen oder schmecken kann. Emotionszentrierte Bewältigungsformen erscheinen darum auch hilfreicher als problemorientierte, weil die Handlungsoptionen zur  Problembewältigung für den Einzelnen extrem begrenzt sind.

Erlebte soziale Unterstützung in der (protestierenden) Gemeinschaft puffert den emotionalen Stress ab, nicht jedoch den physiologischen. In den ersten Wochen nach dem Tschernobyl-Unglück standen Bedrohungserlebnisse, Gefühle der Verunsicherung und Ärger im Vordergrund. Nur wenige reagierten mit Gleichgültigkeit oder bagatellisierender Hoffnung. Damals wie heute war und ist das Informationsbedürfnis sehr hoch, aber die überwiegende Mehrheit in der oben genannten Studie von 1987 war unzufrieden mit der offiziellen Informationspolitik. Mehr als die Hälfte der Befragten nutzten Informationssuche, politisches Eintreten gegen Atomkraftnutzung und Schutzmaßnahmen gegen eigene Strahlenbelastung als bevorzugte Bewältigungsformen. Fatalistische und resignative Gedanken sowie Bagatellisierungen gab es nur bei einer Minderheit – Letzteres vor allem bei den hartgesottenen Kernkraftbefürwortern. Sieben Prozent der Befragten gaben seinerzeit an, den Experten zu vertrauen. Vertrauen in die Aussagen der Politiker äußerte ein (!) Prozent der Befragten.

Ähnliche Entwicklungen können wir heute beobachten: Bereits wenige Tage nach der Katastrophe waren Strahlenmessgeräte in Frankfurt am Main nahezu ausverkauft. Obwohl ein individueller Schutz vor atomarer Bedrohung wenig möglich erscheint, so zeigt sich doch das Bedürfnis, sich selbst über radioaktive Belastungen informieren zu können. Dass das Vertrauen in die Politik und deren Empfänglichkeit für die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger begrenzt ist, wurde unter anderem an den Ergebnissen der Landtagswahl in Baden-Württemberg deutlich. Gleichzeitig zeigt sich ein starker Wunsch der Bürgerinnen und Bürger, politisch mitbestimmen zu können. So stieg beispielsweise entgegen dem gesamtgesellschaftlichen Trend, die Wahlbeteiligung bei den beiden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinlandpfalz deutlich an. Über die ganze Republik verteilt beteiligen sich jede Woche Menschen an Demonstrationen gegen  Kernkraft.

Heute erscheint es eine Herausforderung für Politikerinnen und Politiker, das verspielte Vertrauen mühsam zurückzugewinnen. Denn sowohl Umfragen als auch die letzten Wahlen haben gezeigt: Parteien wie die Grünen, die ihrem Kurs treu blieben, konnten Prozentpunkte gut machen Vertrauen aufzubauen und Glaubwürdigkeit wieder zu erlangen scheint die Hauptaufgabe der Politik für die in diesem Jahr folgenden Landtagswahlen 2011 in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zu sein.

 

Moser, H. unter Mitarbeit von Th. Leithäuser (1987). Bedrohung und Beschwichtigung: Die politische und die seelische Gestalt technischer, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Gefährdungen.  Weinheim: Deutscher Studien Verlag.

 

Einige Restexemplare des Bandes können von der Sektion Politische Psychologie zum Preis von 15,--€ bezogen werden.

 

Siegfried Preiser, Constanze Beierlein, Katharina Oerder

(Mitglieder des Vorstands der Sektion Politische Psychologie)